Foto: Radmayr

Fotos: Kuranda/Radmayr

260.000 m3 Fels donnern schon bald vom Hochvogel ins Tiroler Lechtal

Im Juli forderte ein Gletschersturz an der Marmolata in Südtirol elf Tote und acht Verletzte. Das nahm „Hallo“ zum Anlass für einen Lokalaugenschein am 2.592 m hohen Hochvogel, wo in absehbarer Zeit 260.000 Kubikmeter Fels ins Tiroler Lechtal stürzen.

Vor drei Stunden sind wir vom bayerischen Prinz Luitpold-Haus in 1.846 m Seehöhe in ein Bilderbuch-Alpenszenario aufgebrochen, jetzt befinden wir uns auf der ziemlich steilen und felsigen Zielgeraden. Vor uns ragt in 2.592 m Höhe das Gipfelkreuz des Hochvogels in den blauen Himmel. Noch ein paar Schritte. Jetzt stehen wir am Ziel unserer Tour.
Ein grandioser Rundumblick mit nichts als Bergen, soweit das Auge reicht, belohnt die Mühen des Aufstiegs. Doch unser Blick bleibt vorerst am Boden hängen. Mit dieser Dimension haben wir nicht gerechnet. Vor uns tut sich ein 50 Meter langer, mehr als vier Meter breiter und scheinbar bodenloser Riss im Felsen auf. So schaut ein Berggipfel aus, bevor er zerfällt.
Dieser Riss am österreichisch-deutschen Grenzberg zwischen dem Allgäu in Bayern und dem Außerfern in Tirol ist seit 1950 bekannt. Mittlerweile gibt es zahlreiche Querspalten, die sich noch deutlich schneller öffnen als der Hauptriss, „der jedes Jahr um vier bis zehn Zentimeter breiter wird,“ wie Prof. Dr. Michael Krautblatter von der Technischen Universität München erklärt. Der studierte Geograph und Geologe ist Vorstand des Instituts für Hangbewegungen und Europas führender Experte auf diesem Gebiet.
Der 45-Jährige untersucht seit 2004 Naturgefahren in den zentraleuropäischen Bergen. Seine vorrangigen Forschungsobjekte unter freiem Himmel befinden sich in Bayern, Tirol, Salzburg und Südtirol. Der Hochvogel ist sein wissenschaftlicher Hotspot.
Hier hat er mit seinem Team im Rahmen des AlpSense-Forschungsprojekts ein hochspezialisiertes Frühwarnsystem installiert. 365 Tage im Jahr wird rund um die Uhr jede kleinste Veränderung am Berg gemessen. Kabellos, „denn die Blitzeinschläge sind so heftig, dass jedes Blitzschutzsystem versagt,“ erzählt Krautblatter. Die Daten kommen per Funk und über verschiedene Server- und Relaisstationen nach München.
Jeden Tag werden Veränderungen im Dolomitgestein des Hochvogels registriert. Wegen der gefährlichen Lage ist der Aufstieg auf den Berg von Tiroler Seite seit 2014 gesperrt, von Bayern aus ist er uneingeschränkt möglich.
Bis zum großen Bergrutsch werde es nicht mehr sehr lange dauern, meint Professor Krautblatter. Die Starkniederschläge, die im Zusammenspiel mit dem aufgehenden Permafrost dafür verantwortlich sind, dass die Berge ihre Spannung verlieren und instabil werden, traten zuletzt in den Allgäuer Alpen bis zu siebenmal häufiger auf als in früheren Jahren.
Krautblatters Messgeräte werden das Unglück am Hochvogel „einige Stunden oder vielleicht sogar einige Tage vorher ankündigen,“ ist der Forscher überzeugt. Dann schrillen sofort alle Alarmglocken. Die letzte Aufstiegsroute wird gesperrt, im Tiroler Lechtal, wohin sich der gesamte Felssturz ergießt, erwartet man gewaltige Murenabgänge und Sedimentlawinen. Hauptbetroffen wird der kleine Ort Hinterhornbach sein. Häuser und Menschen, die sich an die Anweisungen halten, sind aber nicht in Gefahr. Prof. Krautblatter: „Ob sich alle 260.000 m3 Gestein auf einmal lösen oder in 6, 7 verschiedenen Einheiten, ist ungewiss.“
Bei der Rückkehr ins Prinz Luitpold-Haus meint die Hüttenwirtin Ulli Erd: „Gell, der Spalt is riesig. Hoffentlich hält der Berg.“ Ihr Wunsch wird sich nicht erfüllen.

Foto: TUM München
PROFESSOR DR. MICHAEL
KRAUTBLATTER (oben) ist der Herr über die Lage am Hochvogel. In seinem Institut für Hangbewegungen an der TU München forscht er mit 14 Mitarbeitern. „Arbeit hätten wir aber für 28,“ sagt der 45-Jährige. Seine Naturgefahrenforschungen finden Interesse auf der ganzen Welt. Krautblatter hofft, dass in Sachen Frühwarnsysteme künftig länderübergreifend noch mehr zusammengearbeitet wird. „Frühwarnsysteme, die 365 Tage im Jahr funktionieren, sind die einzige Möglichkeit, damit die Alpen begehbar bleiben. Der Schutz durch Verbauungen ist fast überall ausgeschöpft,“ so der Forscher. Von Felsstürzen seien alle Gebirgsarten betroffen, von Dolomit- und Kalkgestein bis zu Gneis, Schiefer, Granit.

Autor Manfred Radmayr wurde von Helmut Huber (li.) aus St. Florian und Roman Kuranda (re.) aus Wien auf den Hochvogel (ganz hinten) begleitet. Helis Hausberge zieren das Ennstal, zur Abwechslung steigt er auf Dachstein, Sonnblick, Wildspitze… Roman hat heuer schon 1.800 Wanderkilometer in den Beinen. Am 24. September nimmt er am Sternsteintrail teil: 42 km von Linz zum Sternstein.
Tourstart ist im kleinen Ort Hinterstein nahe Bad Hindelang. Hier lebte kurz
der Ingenieur Konrad Zuse, der 1941 den ersten Computer baute.
Von Hinterstein fährt ein Shuttle-Bus bis zum Giebelhaus. Hier beginnt der
Aufstieg.
Am Weg zum Prinz Luitpold-Haus liegt auf halber Strecke die
Bärgründele-Alm: Einkehrmöglichkeit
Prinz Luitpold-Haus bietet mehr als 200 Schlafplätze und sehr gute
Qualität: Essen, Service, Schlafräume, Sanitäranlagen
Lutipold-Haus ist renoviert und die erste Hütte der deutschen
Alpenvereine, die ausschließlich biologisch wirtschaftet.
Heli und Roman vorm Luitpold-Haus: Zwischen den beiden sieht man ganz
im Hintergrund den Hochvogel hervorblinzeln.
Aufstiegspanorama
Aufstieg über die Kreuzspitze mit leichten Kletterpassagen: Fixseile und
Eisentritte. Das gilt auch für die Aufstiegs- oder Abstiegsvariante über den Kalten
Winkel
Letzte Meter zum Gipfel
Roman und Manfred am Gipfel
Blick vom Hochvogel-Gipfel zum Luitpold-Haus
Blick vom Gipfelkreuz in die Felsspalte
Viele Messinstrumente im Spaltenbereich