Foto: KUK

Foto: KUK

Regelmäßige Stille ist die beste Medizin für das Gehör

Verkehr, Bau, Industrie, Freizeit – man kann sich dem Krach kaum entziehen. Während sich Berufslärm reduziert hat, ist der Freizeitlärm enorm gestiegen. Andauernde Lärmbelastung ist Gift für Ohren, Herz-Kreislauf, Schlaf, Gehirn und seelisches Wohl. Ein Linzer HNO-Primar warnt vor Lärm als ein unterschätztes Gift.

Früher war es der Berufslärm, heute ist es der Wohlstandslärm, der uns krank macht. Wer schlecht hört, vereinsamt und hat ein höheres Risiko für Demenz und Depression.
„Auch wenn wir dank technisch ausgereifter Hörgeräte und Hightech-Hörimplantate die meisten Schwerhörigen gut versorgen können, müssen wir der Lärmhygiene viel mehr Bedeutung geben. Lärm ist eine Noxe, für die man Jahrzehnte später die Rechnung präsentiert bekommt“, mahnt Primar Dr. Paul Zwittag, Leiter der Klinik für HNO an der Kepler Universitätsklinik Linz.
Lärmbelastung führt nicht nur zu Schwerhörigkeit und/oder Tinnitus, sondern wirkt sich auch negativ auf Herz-Kreislauf und Gefäße, Hormonsystem, Stoffwechsel mit dem Risiko für Diabetes Typ 2, Schlafqualität, psychisches Wohlbefinden und kognitive Leistung aus. Studien beweisen, dass in Regionen mit Flug- und Industrielärm vermehrt Herzinfarkte, Depressionen und Angststörungen auftreten. Rund 20 Prozent der EU-Bevölkerung leben in Gebieten mit gesundheitsschädlichem Lärmpegel.
Auch wer glaubt, sich an Lärm gewöhnt zu haben, dessen Körper reagiert etwa auf Auto- oder Fluglärm mit Stress – vor allem nachts. Blutdruck und Herzfrequenz steigen in der Folge, der Organismus kann schlecht regenerieren. „Unser Körper ist nicht auf Lärm kalibriert. Wir haben es erst rund 250 Jahre mit Lärm zu tun und so schnell kann sich die menschliche Biologie nicht adaptieren“, sagt Primar Zwittag.
In den letzten 30 Jahren hat sich der Freizeitlärm mehr als verdreifacht. „40 Stunden Beschallung mit 80 bis 85 Dezibel pro Woche können zu Hörminderung oder Tinnitus führen. Da bewegen wir uns im Lärmbereich von Zug, Gewitter oder Motorrad“, erklärt der Linzer Facharzt.
Besonders gefährdet sieht Primar Zwittag die Jugendlichen mit dem „Knopf im Ohr“. Im Schnitt dröhnen sie sich mit Musik von der Lautstärke von 85 Dezibel zu, stundenlang und ohne Unterbrechung. Damit blenden sie alle Umgebungsgeräusche aus. Durch diese direkte Beschallung im Gehörgang werden auf Dauer die Sinneshaarzellen im Innenohr zerstört. Die Schwerhörigkeit schleicht sich langsam und lange unbemerkt ein.
Weniger schädlich als die „Ohr-Stöpsel“ sind Muschelkopfhörer und auch Ear Buds, die locker in die Ohrmuschel gelegt werden. Alle Kopfhörervarianten werden mittlerweile mit Noise Cancelling-Funktion, der aktiven Geräuschunterdrückung von Umgebungslärm, angeboten.
Das Zauberwort zur Regeneration eines lärmbelasteten Ohres heißt Stille. Und zwar regelmäßig. Wer zum Beispiel in einem Großraumbüro arbeitet, sollte in der Pause zehn Minuten die Stille suchen, am besten in die Natur oder an einen ruhigen Platz gehen. Paul Zwittig: „Wir sind keine Maschine, auch unser Ohr braucht täglich eine Erholungsphase. Lärmpausen gehören auch zur Burn-out-Prophylaxe“. Mancher muss allerdings erst wieder lernen, die Stille auszuhalten.