07. Juli 2020

KOMMENTAR

Moderne Wollmilchsau


m.radmayr@hallo-zeitung.at

DIGITALISIERUNG IST DAS ZAUBERWORT. Als eine der Lehren aus der Corona-Krise predigt man uns die Notwendigkeit eines Turboschubs für den Ausbau aller elektronischen Möglichkeiten. Die Digitalisierung gilt als die eierlegende Wollmilchsau unserer Tage. Wo digital draufsteht, sind nur Vorteile drinnen. So scheint es.
Alle Schüler sollen für den Unterricht daheim („Homeschooling“), möglichst viele Berufstätige für die Arbeit zuhause („Homeoffice“) firm gemacht werden. Je schneller, desto besser! Bei diesen Bestrebungen werden meist alle soziologischen und pädagogischen Einwände leichtfertig abgetan, und eine banale Gefahr wird von den Technologiehörigen auch gerne übersehen: Was ist, wenn der große Stromausfall kommt? Und dieser Blackout kommt, befürchten sogar Experten, eher früher als später. Dann ist wirklich Feuer am Dach! Nichts geht mehr: kein Handy, kein Computer, keine Supermarkttür öffnet sich… Dann wird es wirklich finster, und zwar schon nach wenigen Stunden.
In dieses Bild passt, dass das WIFI Oberösterreich als bedeutendes Fortbildungsinstitut mit jährlich 100.000 lernwilligen Kunden von ihren 70 Lehrwerkstätten zwei wegen mangelnder Nachfrage schließen musste: die Schmiede- und die Fleischerwerkstätte. Niemand will mehr diese Berufe erlernen. Solches Handwerk passt nicht ins digitale Zeitalter. Wohin das führt, zeigt der im Zuge von Corona aufgeplatzte Fleischskandal in Deutschland. Die dortigen Zustände sind nicht neu, wurden geduldet und basieren auf einer modernen Form von Sklavenarbeit, die im digitalen Schatten blüht. Eine Schande!

Autor: Manfred Radmayr