31. Mai 2020

KOMMENTAR

Vom Mut verlassen

Vom Mut verlassen


m.radmayr@hallo-zeitung.at

Wer entscheidet, macht auch Fehler! Das Hinterfragen stellt daher den ersten Schritt zum Weiterkommen dar. Das gilt erst recht in dieser Pandemie-Zeit, die viele in existenzielle Not bringt. Wie ist es dazu gekommen?
Wir leisten uns ein sündteures Gesundheitssystem, das zu den besten der Welt zählt. Das steht wohl außer Frage. Trotzdem hat die Regierung angesichts des Corona-Virus der Mut verlassen. Man hat die Schwächen der medizinischen Versorgung in Ländern wie Italien, Spanien oder Frankreich ignoriert und die Seuchengefahr 1:1 auf Österreich umgelegt. Das Gleiche machte Deutschland. Auf einmal war von der Stärke unseres Gesundheitsystems keine Rede mehr. Dass es zum Beispiel in Italien nur zwölf Intensivbetten für 100.000 Einwohner gibt und in Österreich 30, spielte keine Rolle.
Stattdessen hat man fast das ganze Land stillgelegt und auch die Gesundheitsversorgung runtergefahren: Bei Operationen, Chemotherapien, Schwangerenversorgung, pränataler Diagnostik, Krebsuntersuchungen, Physiotherapie… kam es zu gefährlichen Verzögerungen oder gar zum Ausfall. Über diese Opferbilanz spricht man derzeit kaum. Genauso wenig wie über die vielen Todesfälle, die jährlich die Grippe fordert, obwohl es dagegen Medikamente und eine teilweise wirksame Impfung gibt. Auch dass im Schnitt in Österreich täglich 15 Menschen (5.500 im Jahr) an im Krankenhaus erworbenen Infektionen sterben, ist weitgehend tabu. Schicksal!
Was wir jetzt schleunigst brauchen, ist ein gesamtgesellschaftlicher Diskurs mit Bürgerbeteiligung, unabhängigem Expertenbeirat und freiem Zugang zu Daten. Schaffen wir das?


Autor: von Manfred Radmayr