REPORTAGE
Sex im freien Fall
Die menschlichen Verstrickungen im Liebesleben sind oft kompliziert, doch noch viel ausgefallener und bizarrer geht’s beim Sexualverhalten der Tiere zu. Hier ist die Natur besonders kreativ. Zu den größten Sexakrobaten gehören die Mauersegler, die sich im freien Fall paaren. Eine tolle Nummer!

Prostitution, Heiratsschwindel, Samenraub, Geschlechtsumwandlung - im Tierreich gibt es nichts, was es beim Menschen nicht auch gäbe. Und noch viel mehr: Zum Beispiel Augen am Penis. Die braucht man, wenn man gerne Sex beim Fliegen macht, wie es beispielsweise die japanischen Schwalbenschwänze tun. Um diese Luftnummer besser bewältigen zu können, verfügen diese Flattermänner über ein sehendes Sexualorgan.
In unseren Breiten ist der Mauersegler ein sexakrobatischer Luftikus. Diese Vögel haben nur Stummelbeine und machen daher fast alles in ihrem Leben in der Luft. Auch den Geschlechtsakt. Sie paaren sich im freien Fall und stürzen dabei unkontrolliert Richtung Boden. Da ist Eile angesagt, sonst wird es für die Tiere brenzlig.
Was Sie schon immer über das Sexualleben der Tiere wissen wollten, erfahren Sie im neuen Buch des deutschen Biologen und Naturfotografen Markus Bennemann. Er beschreibt „Die Evolution im Liebesrausch” (Eichborn-Verlag, 308 Seiten, 20,60.- Euro) in populärwissenschaftlicher Form und höchst amüsant (Abbildung oben). Detailreich erklärt der Autor das Sexualleben vom Achtfüßer bis zum Zebrafinken.
So erfährt man Verblüffendes über die Fortpflanzung der Papierbootkraken, die sich in allen Weltmeeren nahe der Wasseroberfläche tummeln. Während gemeine Kraken beim Geschlechtsverkehr auf Armlänge voneinander entfernt bleiben, geht das winzige Papierbootkrakenmännchen vom Weibchen noch mehr auf Distanz. Sein bestes Stück, das im entrollten Zustand ungefähr dreimal so lang ist wie er selbst, hat nicht nur einen eigenen Geruchssinn, sondern auch ein eigenes Gehirn. Dieser Penisarm wird vom Männchen abgekoppelt und schwimmt ohne seinen Besitzer an sein Ziel.
Angesichts solcher „Naturgeschichte” über „Sex in freier Wildbahn” mag das menschliche Liebesleben eigentlich rech langweilig anmuten …
GOLDHAMSTER

Goldhamster müssen sich riechen können, sonst gibt’s keinen Sex. Nachdem das Weibchen zwei verschiedene Duftstoffe abgegeben hat, um das Männchen in seinen Bau zu locken und in Fahrt zu bringen, muss das Männchen einen dritten Duft abgeben, damit der Akt auch über die Bühne geben kann. Dieses Pheromon löst beim Weibchen eine Duldungsstarre aus, damit es still hält.
CLOWNFISCH

Der Clownfisch hat mit dem computeranimierten Meeresabenteuerfilm „Findet Nemo” Weltberühmtheit erlangt. Darin werden das Weibchen und der Laich eines Clownfisch-Pärchens Opfer eines Raubfisches. Nur ein Ei überlebt, und der Vater macht sich auf die Suche nach dem verlorenen Sohn „Nemo”. Die Realität sieht so aus: Stirbt das weibliche Tier eines Clownfisch-Paares, verwandelt sich das Männchen in ein Weibchen.
GRANATKOLIBRI

Granatkolibris leben auf den Inseln in der Südkaribik und haben eine Schwäche für Sadomasospiele und Prostitution. Die Männchen dieser kleinen Vögel sind normalerweise sehr dominant und verjagen Weibchen, die auf ihre Blüten zufliegen. Es gibt aber auch Rollentausch. Dann unterwirft sich das Männchen dem Weibchen und lässt es aus seiner Blüte trinken. Dafür gibt es dann Sex - auch außerhalb der Paarungszeit.
BONOBOS

Die Bonobos oder Zwergschimpansen im afrikanischen Regenwald sind ausgesprochen friedliche und freundliche Menschenaffen. Trotz ihrer sexuellen Freizügigkeit leben sie in harmonischer Eintracht, weshalb sie gerne als Hippieaffen bezeichnet werden. Zu sexuellen Kontakten kommt es bei den Bonobos über alle Geschlechts-, Alters- und Hierarchiegrenzen hinweg. Sie sind außer den Menschen die einzigen Primaten, die regelmäßig Sex in der Missionarsstellung praktizieren. Auch Petting, Oralsex und Analverkehr wurden bei diesen Schimpansen schon beobachtet. Bei Lesben-Sex bevorzugen die weiblichen Bonobos eine Stellung, die Menschenfrauen höchstens nach einer Schulung in einem chinesischen Zirkus hinbekommen würden.
OCHSENFROSCH

Der Ochsenfrosch in Nordamerika gehört zu den größten Lurchen der Welt. Er bringt in Extremfällen bis zu drei Kilo auf die Waage und erreicht wegen seiner ungewöhnlich langen Beine eine Gesamtlänge von bis zu 90 cm. In der Balz sind die Ochsenfrösche ziemliche Raufbolde. Konkurrenten versucht man durch laute Rufe zu vertreiben oder im Ringkampf so lange unter Wasser zu drücken, bis sie klein beigeben. Kleinere Männchen lauern allerdings oft still und leise wie Kampftaucher im Wasser, um ihren kräftigeren Rivalen die Weibchen wegzuschnappen.
LIBELLEN

Bei Libellen sieht das Liebesrad sehr romantisch aus - ist es aber keineswegs. Das Libellenmännchen verbringt nämlich den größten Teil des Paarungsaktes damit, mit seinem Mehrzweckpenis den Genitaltrakt seiner Partnerin vor allem vom Samen seines Vorgängers zu reinigen. Das ist ein Samenraub der anderen Art, nicht so wie wir ihn aus einer Londoner Besenkammer kennen.
BUCKELWAL

Der Buckelwal ist die Nachtigall der Meere. Wie bei den 15 cm kleinen und 20 Gramm leichten Singvögeln geben auch bei den bis zu 18 m langen und 30 Tonnen schweren Buckelwalen hauptsächlich die Männer ihren Gesang zum Besten. Dabei übertrifft der mächtige Wal den zierlichen Vogel um Längen. Die Lieder der Wale gelten als die kompliziertesten Gesänge im Tierreich. Der Walgesang ist bis zu 200 Dezibel laut, viele Kilometer weit zu hören und dauert oft tagelang an. Die Bullen wollen sich mit ihren Gesängen vor der nächsten Paarungsrunde bei Walkühen einschmeicheln. Oft geben männliche Buckelwale Kühen mit Kalb auch Begleitschutz am Weg durchs weite Meer.

