30. Juli 2010

REPORTAGE

Riesengeschäft mit Tempelhaaren aus Indien

TRAUMFRISUREN


Zur Traumfrisur durch künstliche Haarverlängerung oder Haarverdichtung! Was Diven wie Sharon Stone, Angelina Jolie oder Victoria Beckham tun, leisten sich auch immer mehr Oberösterreicherinnen. Haare sind zu einem der teuersten Rohstoffe und weltweit zu einem Riesengeschäft geworden. Am Beginn steht die Kahlrasur in indischen Tempeln (Bild).


Tirupati in Südindien ist einer der bedeutendsten hinduistischen Tempelkomplexe, der täglich zehntausende Besucher und Pilger anzieht. Und es ist der größte Friseursalon der Welt. 600 Barbiere arbeiten hier im Akkord. Ihre Kundschaft sind Hindus, die ihre Haarpracht der Gottheit Venkateshvara opfern. Als Dank für Gesundheit, Glück, Arbeit oder reiche Ernte. Viele Frauen lassen sich auch für das Geschenk der Ehe kahl scheren.

Die Glatze gibt es kostenlos, trotzdem werden in Tirupati mit dem Tempelhaar jährlich 250 Millionen Euro umgesetzt, die in die Erhaltung der Anlage und sozialer Einrichtungen wie Krankenhäuser fließen. Das Geschäft in Tirupati und vielen anderen Klöstern läuft blendend, denn die Haare sind weltweit gefragt. „Haare sind zu einem der teuersten Rohstoffe der Welt geworden. Ein Kilo Echthaar in Indien kostet derzeit 430 Euro. Der Preis hat sich in zehn Jahren verdreifacht,” weiß Anita Lafer aus dem kleinen St. Stefan im steirischen Rosental. Die 40-jährige leitet die dortige Great Lengths-Niederlassung für den gesamten deutschen Sprachraum.

Greath Lengths setzt in Sachen Haarverlängerung (Extensions) den Qualitätsmaßstab und ist Weltmarktführer. Der Konzernumsatz nähert sich der 200 Millionen Euro Grenze. 40.000 Frisiersalons arbeiten auf Great Lengths-Basis, in Österreich sind es 530, in Oberösterreich aktuell 102. Tendenz stark steigend!

Anita Lafer: „Wir verwenden ausschließlich indisches Echthaar, weil es dem europäischen am ähnlichsten ist. Chinesisches Haar ist viel dicker, europäisches kaum noch zu bekommen.” Dafür drängt eine Haarmafia mit Rohstoff aus Brasilien, Ukraine oder Burma in den Markt. Aus diesen Ländern werden regelrechte Haarüberfälle gemeldet. „Skalpjäger” schneiden Frauen auf offener Straße den Zopf oder die Mähne ab. „Vor allem bei Haarangeboten im Internet sollte man vorsichtig sein,” warnt Anita Lafer.

Auch Doris Steindl aus Haid-Ansfelden, Landesinnungsmeisterin der Friseure und gerichtlich beeidete Sachverständige, rät zur Vorsicht: „Extensions sollte man wirklich nur von Spezialisten und nach ausführlicher Beratung machen lassen. Unsachgemäße Arbeit kann sogar zum Verlust der eigenen Haare führen. Solche und ähnliche Fälle sind schon häufig bei Gericht gelandet.”

Die goldene Idee für Extensions, die sich nicht nur Hollywoodstars leisten können, stammt vom Engländer David Gold (56). Frisch verliebt in eine Friseurin, dachte der Pfiffikus 1990 in einem Londoner Pub über neue Geldquellen nach. Sein Gedanke: Wenn man aus grauer Schafwolle weiße machen kann, müsste man doch auch Farbpigmente aus Haaren entfernen können. Mit Hilfe schottischer Farmer und befreundeter Techniker gelang das Kunststück, das längst patentiert ist. Genauso wie die perfekte Verbindung von Eigen- und Fremdhaar. Lafer: „Wie die Pigmente genau entzogen werden, ist ein Geheimnis, das auch ich nicht kenne.”

In Golds Firmenzentrale in Nepi bei Rom werden monatlich vier Tonnen Haare aus Indien für die sehnsüchtig wartende Frauenwelt verarbeitet. Zur Auswahl stehen 64 Standardfarben, weiters gibt es so genannte Flows mit Farbverläufen von dunkel nach hell.

Eine Extension kann man bis zu sechs Monate tragen. Dann muss das Fremdhaar wieder raus - und es macht Platz für einen neuen Look.