08. September 2010

REPORTAGE

Linzer überlebte beim Holen des Christbaumschmucks 9-Meter-Sturz von Balkon

„An mir wurde ein Wunder vollbracht"


Erster Auslandsurlaub nach dem Unfall: Rudolf Feischl mit Gattin Herta (rechts) und Freunden beim Urlaub in Süditalien.

162 Tage lang haben die Angehörigen von Rudolf Feischl aus Linz gebangt und gebetet - dann war das „Weihnachtswunder” perfekt. „Ich bin wahrscheinlich der erste Mensch, der im Unfallkrankenhaus geweint hat, weil ein Patient entlassen wurde,” erinnert sich Herta Feischl freudestrahlend. Dabei werden die Augen der tapferen Frau wieder feucht. Vier Monate lang hatte sie täglich fünf bis sechs Stunden in der Intensivstation am Krankenbett ihres Mannes gewacht, der dort im künstlichen Koma lag.

„Ich habe ständig mit ihm gesprochen und immer daran geglaubt, dass wieder alles gut wird,” erzählt die Meistercoiffeurin. Die Hoffnung hing allerdings an einem seidenen Faden. Ihr Ehemann wurde in der Intensivstation 116 Tage lang künstlich beatmet und sechs Mal operiert. Er erhielt 138 Blutkonserven und 256 Plasmaderivate. „Das Linzer UKH hat bei mir ein Wunder vollbracht,” sagt Rudolf Feischl dankbar.

Begonnen hat das Drama des 67-jährigen pensionierten Bautechnikers 2006 zwei Tage vor dem Heiligen Abend. Feischl hatte den Christbaum aus dem Keller in die Wohnung im dritten Stock seines Wohnhauses in Ebelsberg geholt und kam nun mit dem Christbaumschmuck zum zweiten Mal aus dem Keller retour. Diesmal stand er allerdings vor der verschlossenen Wohnungstür. Der zweifache Vater hatte sich ausgesperrt. Da packte den leidenschaftlichen Radfahrer und Bergsteiger der Übermut. „Ich wollte durchs Stiegenhausfenster auf unseren Balkon rübersteigen. Dabei bin ich auf der Brüstung ausgerutscht und neun Meter in die Tiefe gestürzt,” erzählt Feischl.

Die Folgen des Aufpralls am Betonboden: zahlreiche Trümmerbrüche, die schrecklichsten im Beckenbereich. Das Opfer war aber noch bei Bewusstsein und meldete per Handy seiner Frau im Geschäft: „Ich bin vom Balkon gefallen.” „Das ist ein Witz,” dachte sich Herta Feischl im ersten Moment. Doch dann begann der Wettlauf gegen den Tod.

Die erste Operation musste nach 16 verabreichten Blutkonserven abgebrochen werden, um den Exitus zu vermeiden. „Unser größtes Problem war in der Folge ein Multiorganversagen von Herz, Lunge, Leber und Nieren,” so Dr. Nadjdat Ghazwinian, langjähriger Leiter der Intensivmedizin im UKH. „Wir haben Experten im In- und Ausland um Rat gefragt, was wir noch besser machen können.” Eine extreme Gelbsucht sorgte für eine zusätzliche Komplikation. Zweimal wurde der Todeskandidat versegnet.

Doch nach elf Monaten im Spital und auf Reha ist Rudolf Feischl wieder am Damm. Er muss allerdings dreimal wöchentlich zur Dialyse bei den Elisabethinen und wartet auf eine Spenderniere. „Ich hätte ihm eine gegeben, doch leider passt die Blutgruppe nicht,” so Ehefrau Herta, einer von vielen Engeln in diesem „Weihnachtswunder”.