REPORTAGE
In Krisenzeiten boomt zu Silvester das Geschäft mit Glücksbringern besonders - Wiener Erfindung behauptet sich als Dauerbrenner
Schneekugel: 110 Jahre alt und ein weltweiter Verkaufshit

Die Original Wiener Schneekugel wird in dritter Generation produziert. Ihr Erfinder Erwin Perzy I. gründete den Familienbetrieb. Enkel Erwin Perzy III. ist der aktuelle Schneekugel-König.
Einmal kurz schütteln - und leise rieselt ganzjährig der Schnee! Gegen die gute alte Schneekugel verblasst jede Hightech-Schneekanone zur armseligen Erfindung. Der Siegeszug der Schneekugel rund um die Welt begann 1900 in Wien. Zu verdanken ist er dem Werkzeugmacher Erwin Perzy, der sich auf Chirurgieinstrumente spezialisiert hatte. Perzy war 20 Jahre alt, als ihn Chirurgen baten, sich Gedanken zu machen, wie man die Beleuchtung in den Operationssälen verbessern könnte. Dort kam damals das spärliche Licht aus Gasglühlampen.
Erwin Perzy war ein helles Köpfchen. Er wollte der im 19. Jahrhundert erfundenen und noch recht armselig leuchtenden Glühbirne durch Anbringen einer Linse zu einer bis dahin nicht gekannten Lichtstärke verhelfen. Doch diese „Lichtlupe” kam zu teuer. Perzy experimentierte weiter, und stieß dabei auf die Schusterkugel eines Freundes. Diese mit Wasser gefüllten Glaskolben wurden von Handwerkern bei Feinarbeiten zur Bündelung diffusen Lichts von Gas- oder Öllampen verwendet. „Mein Großvater wollte die Lichtstärke der Schusterkugel dadurch verbessern, dass er Metallspäne ins Wasser gab,” erzählt Erwin Perzy III. (53). Der Metall-Glitter sank zu rasch auf den Boden der Kugel. Erwin Perzy I. holte aus Mutters Küche Gries und warf ihn in die Kugel. Vom Wasser aufgequollen, sank der Gries nur langsam ab. „Das sieht ja aus wie Schnee,” war der junge Erwin begeistert. Das Prinzip der Schneekugel war geboren.
Das erste Exemplar einer Schneekugel fertigte Perzy für einen Freund, der in Mariazell einen Souvenirstand führte. Die 40-mm-Kugel auf schwarzem Gipssockel enthielt ein Modell der Basilika und fand reißenden Absatz.
Perzy erkannte rasch das Geschäftspotenzial seiner Erfindung. Er ließ die Finger von den Chirurgieinstrumenten und verlegte sich auf den Bau der Original Wiener Schneekugeln. Zur Hochblüte beschäftigte er 65 Menschen. „Das war während der Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre. Da habendie Menschen mit dem letzten Groschen einen Glücksbringer gekauft. Besonders beliebt waren Glücksbringer in Schneekugeln,” weiß Erwin Perzy III. und sieht Parallelen zu heute. „Heuer geht das Glücksbringergeschäft besonders gut.” Perzy muss es wissen, denn seine Firma in Wien-Hernals ist Markführer bei den so genannten Silvesterguss-Waren. Das sind Glücksbringer aller Art aus den verschiedensten Materialien, inklusive der Utensilien zum Bleigießen. Auch hier hatte der Großvater eine zündende Idee. Er entwickelte eine neue Zinnmischung, welche die kleinen Gussformen schneller zum Schmelzen brachte. Sie ist noch immer in Verwendung. Insgesamt verkauft Perzys Firma heuer im In- und Ausland an die zehn Millionen Glücksbringer.
Das Top-Produkt des Hauses ist nach wie vor die Schneekugel. 200.000 Stück werden jährlich weltweit abgesetzt. Besonders gefragt sind die glitzernden Dinger in Japan, aber auch in Amerika und in Neuseeland. Die Hälfte aller Perzy-Schneekugeln entstammen einem Standardprogramm, der Rest sind Sonderanfertigungen spezieller Serien oder von Einzelstücken. Perzy: „Gerade habe ich für ein Liebespaar eine 20 Zentimeter große und sieben Kilo schwere Kugel hergestellt, in der lauter kleine Herzerl auf die beiden Verliebten niederrieseln.” Auch Ex-US-Präsident Bill Clinten besitzt eine Wiener Schneekugel mit dem Originalkonfetti von seiner Amtseinführung und einem Sockel aus echtem Silber.
Entworfen und erstgefertigt werden die Figuren für die Schneekugeln von Erwin Perzy und seiner Tochter Sabine (20), die ebenfalls wie Vater, Großvater und Urgroßvater Werkzeugmacherei lernt. Die Serienherstellung übernehmen dann Spritzgussmaschinen der Firma Engel aus Schwertberg, die Acryl-Endbemalung erfolgt wieder manuell. Bis eine Kugel fertig ist, dauert es zwei Wochen.
Die aktuelle Rezeptur des Schnees ist ein Betriebsgeheimnis, bei dem Hartwachs und Kunststoff die zentrale Rolle spielen. Erwin Perzy III.: „Dafür habe ich eine eigene Maschine gebaut, die in fünf Stunden 20 Kilo Schnee produziert.” Da sind die Schneekanonen besser.

