REPORTAGE
Zwölf Tage später stand er zum dritten Mal am Gipfel des höchsten Berges
Er entkam Todeslawine auf dem Mount Everest

Walter Laserer am Gipfel des Mount Everest. Im Rücken das einzigartige Himalaya-Panorama mit Cho Oyu (8.188m) und Shisha Pangma (8.027 m).
Zwanzig Jahre lang hat Walter Laserer aus Gosau alle Gefahren gemeistert und als erster Bergführer der Welt Kunden sicher auf die Seven Summits, die höchsten Gipfel aller sieben Kontinente, geleitet, doch jetzt scheint seine Lage aussichtslos: Hinweggefegt von einer riesigen Eislawine, hängt der 47-jährige kopfüber und eingeklemmt in einer Gletscherspalte - eineinhalb Kletterstunden über dem Basislager des Mount Everest. Kaum Luft zum Atmen, wehrt sich der erfahrene Alpinist 30 Minuten lang gegen den eisigen Druck auf seinen Brustkorb und gegen den Gedanken, dass hier sein Leben endet. Dann verliert er das Bewusstsein.
Als der Oberösterreicher zwei Stunden später wieder zu sich kommt, schleppen ihn Freunde gerade durch ewiges Eis talwärts. Laserer hängt an einer Infusion, die ihm Dave Hahn gesetzt hat. Der Amerikaner ist schon elfmal am Gipfel des Mount Everest gestanden und hat vor zehn Jahren in 8.200 m Höhe die Leiche des 1924 verunglückten englischen Everest-Pioniers George Mallory gefunden. Der US-Boy ist aus dem Basislager seinem Kumpel zu Hilfe geeilt.
Seine eigentliche Rettung verdankt Laserer aber einem nepalesischen Sherpa, dem er ein Jahr zuvor ein Paar österreichische Skier geschenkt hat. Jetzt, am 7. Mai 2009, kommt dieser Mann an der Unfallstelle im berüchtigten Khumbu-Eisbruch vorbei, hat glücklicherweise ein Seil dabei und zieht mit anderen Helfern den bewusstlosen Gosauer an die Gletscheroberfläche.
„Man trifft sich im Leben immer zweimal,” kommentiert Walter Laserer diesen rettenden Zufall und verrät damit gleich einen Teil seiner Lebensphilosophie, die darin besteht, offen und respektvoll miteinander umzugehen. „Für einen Bergführer ist Einfühlungsvermögen das Wichtigste. Er muss sich in die Menschen, die ihm ihr Leben anvertrauen, hineinversetzen können.” Der zweite Teil seines Lebensmottos lautet: „Das Hauptziel ist nicht der Gipfel, sondern das gesunde Heimkommen.”
Dieses Mal wäre er trotz aller Vorsicht um ein Haar nicht mehr heimgekommen. „Es war, wie wenn ein Tieflader lauter große Eisbrocken über dir ausschüttet,” schildert Walter die dramatischen Momente, als die Lawine auf ihn und seine zwei Begleiter zurollte. „Wir hatten fünf Sekunden Zeit, zu reagieren.” Laserer, die niederländische Journalistin Bernice Notenboom (47) und Lhakpa Nuru Sherpa (34) drücken sich blitzschnell mit dem Rücken gegen eine Eiswand. Lhakpa Nuru trägt - wie alle Sherpas - als einziger keinen Helm. Er beugt sich kurz vor, um den Rucksack schützend über seinen Kopf zu ziehen. In diesem Augenblick donnert die Lawine über die drei Bergsteiger hinweg. Lhakpu Nuru wird mitgerissen. Seine Leiche findet man erst vier Monate später.
Walter und Bernice werden von den Eistrümmern in eine Gletscherspalte geschleudert. „Bernice hing über mir. Mit den Füssen habe ich sie soweit wie möglich hochgedrückt, so dass sie sich befreien konnte. Ich bin aber dadurch noch tiefer in die Spalte gerutscht,” erinnert sich Walter. Seine Rettung gleicht einem Wunder. Schwer geschockt, mit Prellungen am ganzen Körper und zahlreichen Cuts am Kopf erreicht Walter Laserer das Basiscamp in 5.300 m Höhe. Der Hubschrauber war schon in der Luft, um ihn aus dem Tal auszufliegen. „Doch ich habe ihn wieder abbestellt, wollte mich einige Tage sammeln und unsere Expeditionsgruppe nicht so rasch im Stich lassen.”
Zwölf Tage später stand Walter mit Bernice und drei Sherpas am 8.848 m hohen Mount Everest. Es war für ihn nach den Jahren 2006 und 2008 der dritte Gipfelsieg am höchsten Berg der Welt. So oft wie der sympathische Naturbursch aus Gosau stand noch kein Mitteleuropäer am Dach der Welt. Einmal, bei seinem ersten Versuch 2005 („Da war ich noch ein Everest-Lehrbub!”), musste Laserers Gruppe am so genannten Balkon in 8.400 m Höhe wegen schlechten Wetters umkehren.
Diesmal hat es wieder geklappt. „Darauf bin ich stolz, denn nach dem Unfall im Khumbu-Eisbruch war es wirklich nicht leicht, sich noch einmal zu motivieren.” Bevor sie den Gipfel erreichten, erlebten allerdings Walter und Bernice beim nächtlichen Aufstieg auf 8.300 m noch eine Begegnung der unheimlichen Art. „Im Schein unserer Stirnlampen erhob sich plötzlich ein fast nackter männlicher Oberkörper aus dem Schnee. Der Mann war völlig vereist und halbtot,” erzählt Laserer. Es handelte sich um einen Amerikaner, der alleine am Berg unterwegs und erschöpft abgestürzt war.
„Geht weiter!”, murmelte der Ami, der sich schon mit seinem Tod abgefunden hatte. Walter und Bernice zogen das Absturzopfer, das sich, wie es immer wieder passiert, kurz vor dem Erfrieren ausgezogen hatte, wieder an, gaben ihm von ihrem Sauerstoff, Essen und zu trinken. Dann organisierte das Duo per Funk mit nachkommenden Bergsteigergruppen eine erfolgreiche Rettungskette für den Verunglückten, dem später Finger, Zehen und die Nase amputiert werden mussten.
Verständnis für derartiges Abenteuertum hat Walter Laserer nicht. „Was solche Typen aufführen, ist unverantwortlich. Sie bringen auch andere in große Gefahr,” ärgert sich der Vater zweier Töchter im Alter von 15 und 16 Jahren. Dabei weicht die Freundlichkeit aus seinen eisblauen Augen; sie blitzen streng, wenn der Kletterkünstler über Sicherheit am Berg spricht.
Das war aber nicht immer so. Walter Laserer, eines von fünf Kindern einer Gosauer Zahnarztfamilie, war schon als Schüler ein Draufgänger. Er machte die Berge unsicher und wollte Skirennläufer werden. Doch als er bei einem Jugendrennen nur als Vierzehnter ins Ziel kam, verlegte er sich auf’s Tiefschnee- und Steilhangfahren. Die wildeste Zeit durchlebte Walter mit 18 bis 20 Jahren. Er raste mit Skiern die Eiger-Westwand hinunter („Wenn’s di da schmeißt, bist hin!”) und durchkletterte im Winter die Eiger-Nordwand sowie diretissima die Dachstein-Südwand.
Zu seiner gefährlichsten Tour brach Laserer im Februar 1989 mit Helmut Steinmassl aus Spital am Pyhrn und Helmut Mittermayr aus Grünau auf. Das Ziel der drei Teufelskerle: Die Winterbesteigung des Mount McKinley (6.194 m) in Alaska. Dieser Eisriese gilt als der kälteste Berg der Welt und, weil es hier keine Träger gibt, als der härteste unter den Seven Summits.
Die drei Oberösterreicher gerieten am Gipfeltag in einen Orkan. Das Thermometer zeigte minus 57 Grad, die sich wegen des Sturmes wie minus 100 Grad anfühlten. Im Unwetter fand das Trio seine Schneehöhle mit den Schlafsäcken und Kochern nicht mehr. „Da hätt’s uns fast dastessen. Wir sind vier Stunden im Kreis umhergeirrt. Zur selben Zeit sind dort drei Japaner erfroren,” sagt Laserer. Dieses „unsinnige Unternehmen” wurde zum Schlüsselerlebnis. „Ich habe damals entschieden: Ich will kein Rekordbergsteiger sein, der immer hoffen muss, dass ein paar Leute zu seinen Vorträgen kommen, sondern eine Laufbahn als Profi-Bergführer einschlagen.”
Gesagt, getan. Noch 1989 gründet Laserer seine Alpinschule. Sie führt er mit seinem Bruder Herbert (50). Walter leitet die großen Expeditionen und bildet die von ihnen engagierten Bergführer aus, der studierte Maschinenbauer Herbert kümmert sich um das Organisatorische und Betriebswirtschaftliche. Was die Seven Summits-Touren betrifft, ist Laserer alpin mittlerweile die Nummer 1 auf der Welt.
Die Bergsteigerei und seine Liebe zur unberührten Natur haben Walter Laserer in den vergangenen zwei Jahrzehnten mehrmals rund um den Erdball geführt. Er war nicht nur vier Mal am Mount Everest und neun Mal am Mount McKinley, sondern auch fünf Mal in der Antarktis, mehrmals in Neuguinea, in Südamerika, Afrika… Was ist die nächste große Herausforderung? „Wahrscheinlich zieht’s mich im Frühjahr noch einmal zum Everest.”

Walter Laserer (47)
Eigentlich wollte Walter Laserer, ein gelernter Förster, nach seinem Studium der Vermessungskunde an der TU Graz als Landvermesser arbeiten. „Ich habe geglaubt, da ist man viel in der Natur unterwegs. Doch dann hat sich gezeigt, dass man fast nur am Computer sitzt.” Das war nichts für den Bergfex. Er hängte den Job an den Nagel und gründete vor 20 Jahren seine Alpinschule. Heute gehört das Unternehmen zu den angesehensten in der Branche. Die Firmenphilosophie: „Quality on top”.
Laserers heurige Expedition auf den Everest war von der niederländischen Regierung gesponsert, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die Himalaya-Gletscher zu dokumentieren. Der Abschlussbericht wird demnächst dem holländischen Parlament vorgelegt.
Gerne bereist der Weltenbummler auch Neuguinea, wo die 4.884 m hohe Carstensz-Pyramide zu den Seven Summits zählt. Bei seinen vielen Aufenthalten in dieser Region hat er wertvolle Kontakte geknüpft und Extrem-Erfahrungen gesammelt, die in ein Buch einfließen werden, an dem er mit einem Schweizer Wirtschaftsexperten arbeitet (Arbeitstitel: „7 Summits and 7 lessons of life”). Laserer: „Im Wirtschaftsleben kann man viel vom Bergsteigen lernen, vor allem was Selbstvertrauen und Entschlusskraft betrifft.” Walters erstes Buch: „Leben Vertikal - Ein Bergführer erzählt” ist vergriffen. Infos: www.laserer-alpin.at

Die Antarktis ist das Traumziel Walter Laserers. Hier unternahm er zuletzt Skitouren vom Schiff aus.
Walter Laserer kennt fast alle Berge dieser Welt: die höchsten, die gefährlichsten, die kältesten. Für ihn die schönsten findet man allerdings in der Antarktis. „Dort ist es wie auf einem anderen Planeten, einfach traumhaft und elitär in jeder Hinsicht,” schwärmt der 47-jährige. Er war bisher fünfmal am Südpol unterwegs. Zuletzt unternahm er Skitouren (Bild rechts) vom Schiff aus. „Das Schiff ankerte im Polarmeer. Wir haben uns im Kreis der Pinguine die Felle auf die Skier montiert und dann die schönsten Touren unternommen,” erzählt Walter mit leuchtenden Augen. „Abends sind wir in unsere warmen Kajüten zurückgekehrt.”
Laserers Traumziel in der Antarktis ist das Queen Maud Land im Osten des Südpols mit seinen spektakulären Gebirgs- und Eislandschaften. Hier ragen einzigartige Türme und Zacken aus dem Eispanzer, die noch kaum von Menschen bestiegen worden sind. Im Bild rechts sitzt Walter Laserer einsam auf einer dieser Naturschönheiten.
Die Antarktis mit dem Mount Vinson (4.897 m) als höchster Erhebung ist aber nicht nur wunderschön, sondern auch gefährlich. Vor wenigen Jahren wurde Laserer für zwei Amerikaner, die kurz vor dem Erfrieren waren, zum Lebensretter. Er hat sie versorgt und in Sicherheit abgeseilt.

