REPORTAGE
Genau vor 100 Jahren schrieb ein tollkühnes Brüderpaar auf dem Dachstein Bergsteigergeschichte. Franz und Georg „Irg" Steiner bezwangen die 800 Meter hohe Südwand, die bis dahin als unbesteigbar galt.
Bravourleistung am Dachstein

Bis zum 22. September 1909 galt die 800 Meter hohe Dachstein-Südwand als unbesteigbar. Dann gelang zwei bärenstarken und tollkühnen Burschen aus Ramsau in der Steiermark das Undenkbare: Die Brüder Franz und Georg Steiner kletterten in vier Stunden durch die Südwand diretissima auf den Gipfel des Hohen Dachstein. Seither gilt diese Tour als die „Himmelsleiter der Steiner-Buam”.

Voriges Wochenende wurde der „Steinerweg” mit Fackeln beleuchtet. Die rechte Lichterkette zeigt den „Pichlweg”, den Eduard Pichl 1895 erstmals bestieg.
Eine ganze Generation der besten Bergführer hatte vergeblich nach einer direkten Durchsteigungsmöglichkeit gesucht, als am 22. September 1909 gegen 6 Uhr Franz und Georg Steiner aus Ramsau vor dem Einstieg der Dachstein-Südwand stehen. Der Felsen ragt vor ihnen steil und glatt 800 Meter zum sonnigen Gipfel empor. „In Gottsnam’, gemma’s an”, sagen sich die Brüder und starten ihre Extremtour.
Franz ist 24 Jahre alt, sein Bruder Georg, den alle Irg nennen, vier Jahre jünger. Beide sind gefragte Bergführer, und beide haben sie die Südwand vor der Haustür ihres Heimatortes schon lange im Auge. Franz hat sie von oben her ausgekundschaftet, Georg von unten. Beiden ist klar: Alleine ist das nicht zu schaffen.
Jetzt wollten sie gemeinsam das Unmögliche tun. Als einziges Hilfsmittel hatten die Brüder ein Hanfseil und einen zwei Meter langen Haselnussstock dabei. Mit diesem sollte Franz den Vorsteiger Irg bei den überhängenden Felsen an die Wand drücken.
Die beiden kommen gut voran, doch am gefährlichsten Punkt, einer Unterbrechungsstelle der Wand, scheint alles aus zu sein: schwerer Steinschlag! Irg reißt den Rucksack über den Kopf und Franz drückt seinen Bruder mit ganzer Kraft gegen die Wand. Das Unheil geht vorbei.
Nach gut vier Stunden schwierigster Kletterei war die Erstbesteigung perfekt. „Da kemman wohl zwei Teufln auffa!”, staunte Dachstein-Pfarrer Pilz aus Hallstatt mit zwei Begleitern am Gipfel, die sich die Töne, die da aus der Südwand emporklangen, nicht erklären konnten. Als um 10 Uhr die Steiner-Buam vor ihnen auftauchten, war die Freude riesig. Gemeinsam stieg man nach Hallstatt ins Tal ab, und auf der Heimfahrt setzte Franz Steiner in Bad Aussee ein Telegramm an die ÖAV-Sektion Austria ab: „Trotzige Dachstein Südwand gebändigt, Franz und Georg Steiner.”
Nach ihrem bergsteigerischen Bravourstück gingen die Brüder völlig unterschiedliche Lebenswege. Der solide Franz baute in Mandling (Stmk) eine angesehene Lodenwalkerei auf und wurde Kommerzialrat. Ganz anders Irg. Der „wilde Hund” und umstrittene Freigeist - für die einen der Inbegriff von Mut, für die anderen ein Tunichtgut - absolvierte noch zahlreiche Erstbesteigungen und sorgte als Tüftler und Erfinder für Aufsehen. Er war der erste, der als Aufstiegshilfe Kerben in die Laufflächen seiner Skier schnitzte. Der Schuppenbelag von Langlauf-Latten ist heute die moderne Version dieser Erfindung.
Im Ersten Weltkrieg desertierte der Ramsauer „Teufelskerl”, nachdem er nicht zur Bergführerkompanie in die Dolomiten, sondern in die serbische Ebene versetzt worden war. „I schiaß net auf Leut’, die mir nix getan hab’n,” sagte Irg und haute ab. Als Wilderer durchstreifte er die Berge und Wälder in der Steiermark, Oberösterreich und Salzburg. Er war aber nicht nur auf der Jagd nach Gipfeln und Gämsen, sondern auch nach Schürzen. 14 ledige Kinder werden ihm nachgesagt, manche reden sogar von mehr als 20.
Irg heiratete schließlich nach Gosau, wo er auch längere Zeit lebte, aber nie ganz sesshaft wurde. In den 1960-er Jahren nahm er mehrmals an den alljährlichen Bergführertagungen in Hallstatt teil, wo ihn der bekannte Linzer Bergführer Hans Pilz kennenlernte. „Ein lässiger, trockener Typ,” so Pilz. Am 20. Oktober 1972 starb Georg „Irg” Steiner mit 84 Jahren in Gosau.

GEorg „Irg” steiner im Alter von 80 Jahren. Aufgenommen wurde es von seinem Linzer Bergsteigerfreund, Buchautor und Fotografen Hans Pilz, der selbst viele Jahre als Bergführer unterwegs war und auch den „Steinerweg” am Dachstein gegangen ist. Der Irg führte bis zuletzt ein aktives Leben. „Ich habe ihn noch getroffen, wie er als 80-jähriger den Kulm-Schlepplift in Ramsau bedient hat,” errinnert sich Hans Pilz, der in den Dolomiten auch Luis Trenker kennengelernt hat.

