09. September 2010

AKTUELLES

Tricks und Macht der Meinungsforscher

Kein Tag ohne neue Umfrage: Vor Wahlen haben die Meinungsforscher Hochsaison. Für die vermeintlichen Alleswisser bringen Polit-Umfragen willkommene Publizität, das große Geld kommt allerdings von der Wirtschaft. In ihrem Auftrag durchleuchten uns die Meinungsschnüffler bis in die intimsten Bereiche.

Dr. Werner Beutelmeyer, Chef des Linzer market-Institutes, bringt es auf den Punkt: „Markforschung ist wie eine Rasterfahndung. Je mehr Eckdaten man erhebt, desto zielgerichteter kann man auf dem Markt vorgehen. Je härter der Wettbewerb, desto wichtiger wird die Beeinflussung.” Positiv ausgedrückt: Der Dialog mit dem Kunden wird immer wichtiger, und damit auch das Geschäft der Markt- und Meinungsforscher. Sie nehmen die Konsumenten von allen Seiten in die Zange: von Angesicht zu Angesicht, per Telefon oder via Internet.

Der vielzitierte Mann von der Straße wird nach dem Zufallsprinzip ausgewählt, in Anlehnung an die amtliche Bevölkerungsstruktur gezielt ausgesucht (Quota-Verfahren) oder er meldet sich freiwillig für regelmäßige Befragungen (Panel-Verfahren). Ist er einmal in den Fängen der Interviewer, will man alles von ihm wissen: welche Partei er wählt, welches Klopapier er bevorzugt, wie oft er zum Deo greift, welche Zeitung er liest, was er vom neuen Auto der Marke XY hält, was sein Hund am liebsten frisst, ob ihm ein bestimmtes Inserat aufgefallen ist und so weiter und so weiter.

Den Fragestellungen sind keine Grenzen gesetzt. „Alles hängt davon ab, wieviel Geld zur Verfügung ist. Je detaillierter das Ergebnis sein soll, desto größer ist der Aufwand und desto teurer wird es,” erklärt Dr. Gernot Hendorfer, Geschäftsführer des Linzer IMAS-Instituts, das als „Mutter” der oberösterreichischen Meinungsforschung gilt.

IMAS wurde 1972 von Andreas Kirschhofer, dem heute 83-jährigen Doyen der Branche, gegründet und war damals im Besitz der Handelskammer. Ehemalige IMAS-Mitarbeiter gründeten in Linz zwei weitere mittlerweile renommierte und international erfolgreiche Institute: Werner Beutelmeyer 1990 die Firma market, und Dr. Klaus Nemetz 1992 die Firma Spectra. Diese drei Unternehmen führen insgesamt jährlich mehr als eine Million Interviews durch und machten Linz neben Wien zu einem Zentrum der Meinungsforschung.

Insgesamt sind in Oberösterreich allerdings 97 Markt- und Meinungsforschungsinstitute aktiv, wobei es sich zum Teil um sehr spezialisierte Kleinunternehmen handelt, die teilweise im universitären Umfeld tätig sind. Die Marktforschung ist ein freies Gewerbe und kennt keine Zugangsbeschränkungen.

In Vorwahlzeiten werden von Medien und/oder Parteien fast täglich neue Umfragen veröffentlicht. Für die Alleswisser ist das kein großes Geschäft. „In diesem Landtagswahlkampf geht das Budget der Parteien für oberösterreichische Institute gegen null. Da wird eher mit Wiener Firmen zusammengearbeitet,” wundert sich Werner Beutelmeyer, der den Parteienanteil am Gesamtumsatz der Branche zwischen zwei und sechs Prozent einschätzt. Gerade bei Politumfragen arbeiten die Alleswisser GmbH’s mit sehr beschränkter Haftung. Die Prognosen werden mit Spannung erwartet, liegen aber oft deutlich daneben, weil die Zahl der Befragten, um zu sparen, meist sehr klein gehalten wird und dadurch die Schwankungsbreiten groß sind - und weil viele Befragte bis zum Schluss nicht wissen, wen sie wählen werden. Außerdem: Manche machen sich bei ihren anonymen Antworten auch einen Jux.

Prinzipiell sieht aber Gernot Hendorfer die Lüge nicht als Problem der Meinungsforscher und zitiert die Deutsche Elisabeth Noelle-Neumann, die als Pionierin der Demoskopie gilt: „Die Leute sagen die Wahrheit, weil das Lügen ist auf die Dauer zu anstrengend.”

Darauf setzt auch die Pharmaindustrie, die mittels Meinungsforschung die Erfahrungen mit ihren Medikamenten sammelt. „Wir haben schon über 1.000 derartige Studien durchgeführt und interviewen dazu jährlich etwa 15.000 Ärzte,” so Klaus Nemetz.