KOMMENTAR
von Manfred Radmayr
Schwierigster Lehrplan der Welt

Manfred Radmayr
Ich bin der Sieg, mein Vater war der Krieg, der Friede ist mein Sohn, er gleicht meinem Vater schon. So dichtete 1945 der große österreichische Lyriker Erich Fried. 64 Jahre später wird die EU, auch wenn sie in den 1990er-Jahren dem Balkankrieg vor ihrer Haustür recht hilf- und ratlos gegenübergestanden ist, als größte europäische Friedensinitiative aller Zeiten gepriesen. Gleichzeitig wird im EU-Wahlkampf und darüber hinaus von mancher Seite verbal radikal aufgerüstet. Den hetzerischen Worten folgten prompt Taten. Schmieraktionen, Pöbeleien und tätliche Angriffe gegen Andersdenkende und Minderheiten. Rassismus und Fanatismus marschieren wieder Hand in Hand. Um mit Erich Fried zu sprechen: Der Sohn gleicht dem Vater schon!
Dass die Wirtschaftskrise mit Wahlgängen zusammenfällt, macht die Situation besonders gefährlich. Politische Einpeitscher fühlen sich auf diesem Boden besonders wohl, und sie finden unter diesen Umständen leichter Gehör. Ohne den Teufel an die Wand malen zu wollen, stimmt es höchst bedenklich, wenn sich ein
Radikalinski wie Martin Graf im parlamentarischen Präsidium breit machen kann. Wie zum Hohn wird zur selben Zeit von allen Seiten, auch von jenen, die Graf zum Dritten Nationalratspräsidenten gewählt haben, nach mehr politischer Bildung gerufen. Natürlich kann es an politischer Bildung nie genug geben, und in Österreich haben wir hier wirklich Aufholbedarf, doch Bildung alleine reicht nicht. Schließlich gehörten auch große Teile des Bildungsbürgertums - Juristen, Ärzte, Lehrer, Beamte… - zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus. In vielen Orten trat die so genannte Dorfelite als Erste der NSDAP bei.
Politische Bildung hat wenig Wert, wenn es an Herzensbildung fehlt. Doch Toleranz, Gerechtigkeitsempfinden und Solidarität mit Schwachen nachhaltig zu vermitteln, ist der schwierigste Lehrplan der Welt. Und der Wichtigste!

