AKTUELLES
Thomas Bernhard ganz privat

Thomas Bernhard ist ein
Mammutbaum der österreichischen
Literatur, und er war zeitlebens
ein Reibebaum. In diesen Tagen
jähren sich Geburts- und
Todestag des Schriftstellers.

Der am 9. Februar 1931 in Holland geborene Thomas Bernhard ist am 12. Februar 1989, drei Tage nach seinem 58. Geburtstag, in Gmunden verstorben. Einen Großteil seiner letzten 25 Lebensjahre hat Thomas Bernhard in Oberösterreich verbracht, wo er drei Häuser besaß: den Vierkanthof Obernathal 2 in Ohlsdorf, den er 1964 erwarb, ein altes Bauerngehöft auf dem Grasberg bei Gmunden und ein abgelegenes Haus in Ottnang.
Alle Fotos und Zitate auf dieser Seite stammen aus dem Buch „Thomas Bernhard - Leben und Werk in Bildern und Texten”. Die Autoren Erika (Fotos) und Wieland Schmied (Text) waren lange mit dem Autor befreundet. Genauso wie sein Ohlsdorfer Nachbar Karl Ignaz Hennetmair. Der ehemalige Handelsreisende, Ferkelhändler und Immobilienmakler hat ebenfalls ein Buch vorgelegt. Darin veröffentlicht der 88-jährige Bernhard-Intimus ein penibles Tagebuch, in dem alle Begegnungen mit dem Autor im Jahre 1972 aufgezeichnet sind.
Hennetmair erzählt von den vielen Spaziergängen mit dem genialen Eigenbrötler, von den gegenseitigen Besuchen und Ausflügen bis hin zum Bettwäschekauf in Wels.
Hier einige Auszüge.
8. Februar 1972
„Um 19 Uhr kommt Thomas zu mir. Als vom Empfang von Schranz (Anm. der Red.: Karl Schranz war in Sapporo von den Olympischen Spielen ausgeschlossen worden) die Rede ist, wird Thomas immer verstimmter. Er meint, er werde einen Artikel schreiben, wie blöd das alles ist… Er könne es nicht mehr länger unterdrücken, zu solchen Ungeheuerlichkeiten zu schweigen. Die Leute sind ja ganz verblödet. Als wir später vor dem Bildschirm sitzen und den Rummel am Ballhausplatz sehen, sage ich: Es ist nichts anderes, als wenn man einen in Ried preisgekrönten Stier feiern würde… Thomas ist bleich vor Ärger über diesen Schranz-Empfang…”
11. Februar 1972
Die beiden Freunde waren gerade am Gemeindeamt Ohlsdorf, wo Bernhard eine Bestätigung erhielt, dass er seinen Hof selbst bewirtschaftet. Damit wird er von der Grundsteuer befreit. „Thomas freute sich über diese Bescheinigung und sagte: So obigstrabelt, wie um Landwirt zu werden, habe ich mich bei meiner ganzen Schreiberei nicht. Meine Schreiberei ist mir viel leichter gefallen, als es zum Landwirt zu bringen.”
20. November 1972
Bernhard war gerade auf der Bank, um einen Kredit für den Hauskauf in Ottnang zu besorgen. „Um 9 Uhr kam Thomas zur Tür herein. Er sagte dass das Darlehen gesichert sei. Dabei lachte Thomas sehr verschmitzt… Dann sagte Thomas weiter: Na weißt du, ich kann doch nicht als feinsinniger Dichter zur Bank gehen und Geld für ein Haus verlangen, das ich gar nicht brauche… Und da habe ich mir halt gedacht, wenn ich dem Bankdirektor sage, daß mein Elternhaus verkauft wird und in fremde Hände gelangen könnte, wenn ich es nicht kaufe, dann sieht das viel besser aus. Der Bankdirektor war so gerührt und so nett, daß ermir den Kreditrahmen sofort auf 350.000 Schilling erhöht hat…
24. Dezember 1972
„Plötzlich fiel Tante Hede ein, dass sie einen goldenen Bilderrahmen, den sie Thomas schenkte, nirgends hängen sah… Der liegt am Kasten sagte Thomas. Daraufhin legte Thomas ein Meisterstück seiner Erzählkunst ab. Nur von diesem goldenen Bilderrahmen und dem Kasten sprach er ununterbrochen eine halbe Stunde. Jeder Satz hatte Humor, und in jedem Satz war vom Rahmen oder Kasten die Rede. Dabei wiederholte er sich nie, und das Ganze war eine sinnvolle, zusammenhängende Geschichte.”
Im Residenz Verlag sind folgende drei neuen Bernhard-Bücher erschienen.
> Erika und Wieland Schmied: „Thomas Bernhard - Leben und Werk in Bildern und Texten”, 320 Seiten, 49,90.- Euro
> Karl Ignaz Hennetmair: „Ein Jahr mit Thomas Bernhard. Das versiegelte Tagebuch 1972”, 594 Seiten, 39,90.- Euro
> Thomas Bernhard: „Die Autobiographie in einem Band. Die Ursache. Der Keller. Der Atem. Die Kälte. Ein Kind”, 576 Seiten, 20.- Euro

