07. Februar 2012

KOMMENTAR

KOMMENTAR von Manfred Radmayr

Die Erinnerung als Ratgeber


Manfred Radmayr

In schöner Tradition holt sich Oberösterreich seit Jahren in der Vorweihnachtszeit aus Bethlehem das Friedenslicht ins Land. Aus einer Region, für die man seit Jahrzehnten hofft, dass ihr auch ein Friedenslicht aufgehen möge. Stattdessen starben im jüngsten Gaza-Krieg innerhalb von drei Wochen etwa 1.300 Menschen, darunter 65 Prozent Zivilisten, mehr als 5.300 wurden verletzt. Derzeit herrscht ein „Waffenstillstand”, in dem fast täglich Raketen fliegen, Bomben fallen und Maschinengewehre feuern.

Die dramatische Lage in Palästina lässt sich in Zahlen fassen. Der Gaza-Streifen ist 360 Quadratkilometer groß und damit um 101 Quadratkilometer kleiner als Linz-Land, dem nach Eferding flächenmäßig zweitkleinsten Bezirk Oberösterreichs, allerdings dem einwohnerstärksten, sieht man von Linz ab. Im hauptsächlich aus Sand bestehenden Gaza-Streifen mit 14 Prozent landwirtschaftlich nutzbarer Fläche leben 1,5 Millionen Menschen (4.167 Einwohner/km2), im Bezirk Linz-Land sind es knapp 137.000 (297 Einwohner/km2). Gaza ist also 14 mal dichter besiedelt. Der palästinensische Küsten- und Wüstenstreifen ist das Alcatraz des Nahen Osten. Die einzigen Verbindungen aus diesem Gefängnis nach außen sind Schmuggeltunnels für Medikamente, Lebensmittel und Waffen.

Was das mit uns zu tun hat? Wäre die so genannte Weltgemeinschaft 1948 nach dem Verursacherprinzip vorgegangen, hätte der Staat Israel auf deutschem oder österreichischem Territorium gegründet werden müssen. Doch die damals mächtigsten Staaten der Welt haben sich darauf geeinigt, dass die an der Ursache völlig unbeteiligten Palästinenser den Preis für die zuvor in Europa verübten Verbrechen an den europäischen Juden zu zahlen haben. Mit der Errichtung Israels wurde dem seit den Kreuzzügen immer wieder blutig umkämpften Heiligen Land ein neuer Dauerkriegsherd eingepflanzt. Genährt wird er auf beiden Seiten neben dem Besitzanspruch auf das Land und einen eigenen unabhängigen Staat auch wesentlich von Rassenhass und religiösem Fanatismus. Diese zwei altbekannten Wurzeln des Bösen wuchern auch wieder vermehrt in Mitteleuropa und sogar vor unserer Haustür. Islamische Hardliner tragen dazu genauso bei wie der aktuelle vatikanische Kurs unter Benedikt XVI. Angesichts dieser Entwicklung erweist sich die Behauptung, dass Religion Privatsache sei, wieder einmal als Heuchelei.

Wahlkämpfe wie derzeit in Israel beflügeln die Zwietracht. Oberösterreich steht ebenfalls am Beginn eines heißen Wahljahres. Uns droht zum Glück kein Krieg, aber die Erinnerung an die jüngere Geschichte wäre bei der Wahl der Worte ein vernünftiger Ratgeber. Was wir nicht brauchen, sind Scharfmacher!