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Zwischen Zufall und Vorsehung: Silvester ist die große Stunde für den Blick in die Zukunft
Die Macht des Schicksals
Das ist eben Schicksal!” Ein geflügeltes Wort, wenn etwas anscheinend Unabänderliches und Bedeutsames passiert, ohne dass man es wesentlich beeinflussen kann. Fast jeder hat schon einen Tag erlebt, der „alles” verändert hat - einen „Schicksalstag”. Sei dies eine Naturkatastrophe, ein schrecklicher Unfall, eine unheilbare Erkrankung, der Tod eines geliebten Menschen, ein Terroranschlag oder eine historische Wende, wie der Fall der Berliner Mauer.
Sind solche „Schicksalsschläge” Vorsehung, purer Zufall oder prinzipiell durch Ursache und Wirkung erklärbar. Untersuchungen haben ergeben, dass jeder zweite Mensch leichtgläubig ist und dazu neigt, an ein Schicksal zu glauben. Die andere Hälfte der Bevölkerung besteht aus Skeptikern, die mit Vorherbestimmung nichts am Hut haben und dem Zufallsprinzip zuneigen.
Eine market-Studie ergab: 30 % der Österreicher glauben, „dass im Leben alles vorherbestimmt ist.” Für sie unterliegen verhängnisvolle Ereignisse einer göttlichen Lenkung. Das Linzer IMAS-Institut hat 2006 erhoben, dass knapp die Hälfte der Österreicher an Gott und an Wunder glaubt, für 26 % existieren Engel. Statistisch etwa gleichrangig ist die Überzeugung, dass die Astrologie über das Schicksal der Menschen Auskunft geben kann.
Schicksal oder Zufall? Tatsache ist, dass wir gerade eine sehr schicksalhafte Zeit durchleben. Krisenangst ist allgegenwärtig. Selbst Experten sind heute damit überfordert, auch nur kurzfristige Prognosen abzugeben. Der stürmische Fortschritt der Technik, die immer stärkere globale Verflechtung von Unternehmen und Staaten, die Flut medialer Meldungen aus allen Teilen der Welt haben die Entwicklungen unüberschaubar gemacht.
Etwa 150 Jahre nach dem Tod der Gebrüder Grimm liest sich ihr Eintrag ins Deutsche Wörterbuch über den Zufall wie eine Prophezeiung: Wie nie zuvor muss der Mensch des 21. Jahrhunderts mit jenem „unberechenbaren Geschehen, das sich unserer Vernunft und unserer Absicht entzieht” fertig werden. Immer mehr Menschen fühlen sich als Spielball des Zufalls. Zwei Drittel aller Westeuropäer meinen, die nächste Generation werde in einer noch unsichereren Welt leben.
Das entspricht den Bestandsaufnahmen von IMAS, das seit 1972 mehrmals jährlich die Einstellung der Österreicher zur Zukunft abfragt. Angesichts der Finanz- und Wirtschaftskrise sitzen die Sorgenfalten tief. Im Oktober blickten 52 % der Österreicher mit Skepsis und Besorgnis in die Zukunft. Noch pessimistischer war man nur nach dem Ölschock 1973, in der Wirtschaftskrise Anfang der 1980er Jahre und nach dem Terroranschlag 2001. „Zum Jahresende bekommen wir die neuesten Zahlen, und ich befürchte, dass die Stimmung noch gedrückter geworden ist,” meint IMAS-Geschäftsführer Dr. Gernot Hendorfer. In der Silvesternacht erlebt der sehnsüchtige oder ängstliche Blick auf das Kommende seine Sternstunde.
Über das Schicksal und das „Prinzip Zufall“

Immanuel Kant: „Für Begriffe, wie etwa Glück, Schicksal, die zwar mit fast allgemeiner Nachsicht herumlaufen, ist ein deutlicher Rechtsgrund nicht zu finden.“
Seit Jahrhunderten streiten Naturwissenschaftler, Philosophen, Theologen und Esoteriker über das „Prinzip Zufall”. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, verdanken wir dem zufälligen Einschlag eines riesigen Meteoriten auf der Erde vor 65 Millionen Jahren. Er löschte die Saurier aus und machte den Weg frei für den Aufstieg der Säugetiere und des Menschen.
Für viele Philosophen der Antike spielte die als „Vernunft” gedachte Vorsehung eine zentrale Rolle im Lauf der Welt. Im Mittelalter thronte über dem antiken Schicksalbegriff Gott, der alles schafft und lenkt. Erst mit den Denkern der Aufklärung - Montaigne, Descartes, Voltaire, Kant… - gewann die Freiheit des menschlichen Willens an Bedeutung. Aber auch Kant räumt ein, dass es ein grenzenloses Unbekanntes gibt: Der Kosmos sei der „Abgrund einer wahren Unermesslichkeit, worin alle Fähigkeit der menschlichen Begriffe sinket.” Albert Einstein, der wohl größte Physiker des 20. Jahrhunderts, entsagte dem Zufall in der Atomphysik mit denWorten: „Gott würfelt nicht!” Auch dem großen Philosophen, Skeptiker und Logiker Ludwig Wittgenstein gelang die Lösung des Lebensrätsels nicht. Seine Erkenntnis: Es gäbe „eine von unserem Willen unabhängige Welt”. Das ist das wahre Schicksal des Menschen.

