09. September 2010

AKTUELLES

Viele leiden unnötig, weil sich die Medizin erst langsam darauf einstellt

Jeder Zweite über 50 hat Schmerzen

Schmerz, lass’ nach! Das wünscht sich jeder Zweite der über 50-jährigen in unserem Land. Die Hälfte der Menschen in dieser Altersgruppe wird täglich von Schmerzen geplagt. Insgesamt leiden 21 Prozent der Österreicher unter der Volkskrankheit Schmerz. Die Medizin stellt sich erst langsam auf diese Entwicklung ein.


Univ.-Prof. Dr. Michael Bach bezieht Körper und Seele in Schmerztherapie mit ein.

Am weitesten verbreitet ist der Rückenschmerz, dann folgen der Kopf- und der Gelenksschmerz. Die Gründe dafür liegen vorwiegend im Bewegungsmangel und im Übergewicht. Doch auch die Schulmedizin ist daran nicht unbeteiligt. „Als ich 1979 mit der Ausbildung begonnen habe, sind wir völlig ohne Schmerztherapie ausgekommen,” erklärt Univ.-Prof. Dr. Michael Bach. Der 47-jährige engagiert sich als Präsident der Österreichischen Schmerzgesellschaft (ÖSG) und als Abteilungsleiter der Psychiatrie im LKH Steyr sowie als Chef der Psychosomatik im Spital Enns für eine bessere schmerzmedizinische Ausbildung, mehr Qualitätssicherung und enge interdisziplinäre Zusammenarbeit.

In dieser Richtung hat sich einiges zum Besseren gewendet. Konnte man vor gar nicht so langer Zeit ein Medizinstudium noch mit Bestnote abschließen, ohne irgendetwas über chronischen Schmerz gelernt zu haben, ist seit Februar 2007 in der Fachärzteausbildung die Schmerztherapie ein Fixpunkt. Die Ärztekammer bietet zudem eine berufsbegleitende Diplomausbildung an. Bach: „Etwa 300 Kollegen nützen bereits diese Ausbildung.”

Einen schweren Mangel gibt es allerdings noch in der Qualitätssicherung. Für Schmerzbehandlungseinrichtungen fehlen verlässliche Strukturvorschriften. „Für alle anderen Fachrichtungen ist diese Art von Gütesiegel im österreichischen Strukturplan für Gesundheit festgeschrieben, auf den Schmerz hat man da aber völlig vergessen,” kritisiert Professor Bach: „Die ÖSG hat klare Vorschriften ausgearbeitet. Hoffentlich werden sie von der neuen Regierung endlich umgesetzt.”

Bei der Schmerzbehandlung wurden in den vergangenen Jahren deutliche Fortschritte erzielt. Der chronische Schmerz wird als eigene Krankheit anerkannt. Es gibt bessere Medikamente und gute psychosomatische Therapieansätze, die Leib und Seele als Einheit sehen. Spezielle Anlaufstellen für Schmerzpatienten sind in Oberösterreich allerdings dünn gesät. Es gibt eine Schmerzabteilung im Linzer AKH und bei den Barmherzigen Brüdern in Linz sowie eine Schmerzambulanz in der Landesnervenklinik.

Einen Spezialfall stellt das seit 2005 bestehende und zehn Betten umfassende Department für Psychosomatik in Enns dar. „Wir sind mehr als ausgelastet,” sagt dessen Leiter Michael Bach. Die Schmerzpatienten bleiben in dieser Spezialstation sechs bis acht Wochen lang und erhalten - zum Teil in immer gleich bleibenden Kleingruppen - etwa 150 Stunden Therapie. Die Wartezeit auf ein Bett beträgt drei bis vier Monate. Ergebnisse über Therapieerfolge in Enns gibt es noch nicht. „Wir sind gerade bei der Auswertung,” so Bach.

Mit 21 Prozent dauerhaft schmerzgeplagten Menschen in der Gesamtbevölkerung liegt Österreich knapp über dem europäischen Schnitt. Eine Studie aus dem Jahr 2006 ergab in 14 Ländern Europas im Schnitt 19 Prozent chronische Schmerzpatienten.