KOMMENTAR
Nachahmenswert

Manfred Radmayr
Österreich ist das Land mit der größten Organisationsdichte. Nirgends haben Parteien und Vereine mehr Mitglieder als bei uns. Auch wenn in den vergangenen 25 Jahren der Organisationsgrad deutlich abgenommen hat, so gehören beispielsweise noch immer etwa 270.000 Oberösterreicher einer Partei an. Das ist fast jeder Fünfte aller Landsleute. In Deutschland hingegen ist im Schnitt nur jeder 62. Bürger ein Parteimitglied.
Um möglichst wenig Gefolgsleute zu verlieren, haben sich Österreichs Parteien zu modernen Dienstleistungsunternehmen mit Servicekarten und allem Drumherum entwickelt. Parteimitgliedschaft lohnt sich. Nicht nur, wenn man einen Job sucht oder eine Wohnung braucht. Parteien ebnen ihren Anhängern einen günstigen Weg ins Internet, verschaffen Einkaufs- und Eintrittsrabatte, bieten preiswerte Urlaubsangebote und kostenlose Rechtsberatung. Diese Verparteipolitisierung führt automatisch zu Seilschaften. Rote helfen den Roten, Schwarze bevorzugen Schwarze, für die Blauen zählen in erster Linie Blaue und so weiter. Das ist nur allzu menschlich, aber für eine gesunde gesellschaftliche Entwicklung gefährlich. Wer nirgends dazugehört, steht schnell als hilfloser Bittsteller da.
Angesichts dieser Tradition geschah kürzlich in Wien eine Sensation. Das Sozialministerium, die Volkshilfe und der Pensionistenverband, also lauter rote Institutionen, kürten zum dritten Mal die seniorenfreundlichsten Gemeinden Österreichs. 184 Kommunen bewarben sich um diese Auszeichnung. Und siehe da: Unter den zwölf Gewinnern befinden sich aus Oberösterreich die rote Marktgemeinde Haslach an der Mühl und - jetzt kommt’s - die schwarze Stadt Grieskirchen. Mitten im Wahlkampf bittet also eine rotgefärbte Jury eine schwarz dominiert Stadtregierung zur Ordensverleihung auf die Bühne. Das zeugt von Objektivität und Größe. Erfreulich! Lobenswert! Respekt! Das Beispiel ist allen zu Nachahmung empfohlen. Es würde der politischen Kultur im Lande nicht schaden.
Autor: von Manfred Radmayr

