KOMMENTAR
Verkehrte Welt

Manfred Radmayr
Mobilität ist heutzutage oberste Bürgerpflicht. Man muss beweglich sein, flexibel. Nur so bleibt man auf der Höhe der Zeit. Lebenslange Jobs gibt es nur noch selten. Wer im Arbeitsprozess bleiben will, muss sich weiterbilden, für Umschulungen offen sein. Das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Dazu halten uns die unzähligen geschriebenen Gesetze auf Trab, die man in Österreich noch dazu mit fast sadistischer Leidenschaft ständig um- und neu schreibt. Heute Licht am Tag ja, morgen Licht am Tag nein…
Wer sich allerdings keinen Millimeter bewegt, ist der Staat. Seine Konstruktion ist Jahrzehnte alt und dementsprechend überholt. Von einer Staats- und Verwaltungsreform blieben nur Lippenbekenntnisse. Das ist besonders ärgerlich für Menschen, die an der Grenze wohnen. Nicht zum Ausland - die gibt es längst nicht mehr - , sondern an Bundesländergrenzen.
So muss beispielsweise ein Ennser, der in Ennsdorf eine Lehre absolviert, 200 km nach Wr. Neustadt in die Berufsschule fahren, obwohl es die auch 20 km entfernt in Linz gäbe. Das gilt natürlich auch für den Ennsdorfer Lehrling. Ein Ennsdorfer, der in Enns zur Kirche und ins Wirtshaus geht, hier also sozial verankert ist, muss ins Altersheim nach St. Peter/Au oder Amstetten. Begraben wird er dann wieder in Enns, denn das ist die Ennsdorfer Pfarre. Auch bei Kinderbetreuungseinrichtungen bildet die Landesgrenze eine unüberbrückbare Barriere. Doppelt lästig, weil man in Oberösterreich - etwa in Kronstorf - für den Kindergarten privat zahlen muss, während diese Leistung in Niederösterreich - etwa in Ernsthofen - gratis ist.
Inmitten einer fast grenzenlosen Europäischen Union klammert sich der österreichische Förderalismus an völlig unzeitgemäße Sprengeleinteilungen und Verwaltungseinheiten. Statt den Bürgern das Leben zu erleichtern, baut er ihnen Hürden. Um seine Strukturen nicht ändern zu müssen, ignoriert der Staat die Bedürfnisse seiner Bewohner. Das nervt und kommt teuer. Wir leben in einer verkehrten Welt.
Autor: Manfred Radmayr

