07. Februar 2012

AKTUELLES

Dr. Herbert Kneifel arbeitet im Römermuseum Enns noch immer täglich Urkunden auf

100-jähriger Arzt rettet alte Schätze


Herbert Kneifel an seinem Schreibtisch im Ennser Römermuseum, wo 1.500 Urkunden aus acht Jahrhunderten aufbewahrt werden. Das älteste Dokument ist die Ennser Stadtrechtsurkunde aus dem Jahr 1212.

„Ich hör’ nichts mehr und ich seh’ nichts mehr, aber ich lebe noch,” schmunzelt der Mann im dunklen Mantel. Er trägt einen dazu passenden Hut und einen Gehstock, doch den braucht er nicht, wenn er über die 16 hohen Steinstufen aus dem ersten Stock in den Arkadenhof des Lauriacum Museums am Ennser Stadtplatz steigt. Diesen Weg kennt Professor Dr. Herbert Kneifel wie seine Westentasche. Seit Jahrzehnten geht er ihn fast täglich. Auch jetzt, im Alter von 100 Jahren, schaut der pensionierte Arzt noch jeden Vormittag in „seinem” Museum vorbei, um zu arbeiten.

Herbert Kneifel ist ein Schelm. Es stimmt zwar, dass er Schwierigkeiten beim Hören hat, doch sonst ist der Hundertjährige körperlich und geistig in Topform. Das bestätigt auch seine 82-jährige Ehefrau Margarita: „Mein Mann arbeitet Vormittag ein bis zwei Stunden im Museum. Nach dem Mittagsschlaf gehen wir dann spazieren. Allerdings gehen wir gemeinsam nur bis zur Haustür. Dann geht er nach links und ich nach rechts.”

Ja, so ist er, der ehemalige Stadtarzt. Ein herzensguter Mensch, bei allen beliebt, aber auch ein sturer Bock. Beim Spazierengehen will er sich weder Tempo noch Route vorschreiben lassen. „So 20 bis 30 Minuten bin ich schon täglich alleine zu Fuß unterwegs,” lächelt Kneifel spitzbübisch.

Den Fußmarsch ins Stadtzentrum zum Museum hat ihm aber die Gattin vor wenigen Tagen verboten. „Aus Sicherheitsgründen, und damit er pünktlich zum Essen daheim ist, muss er jetzt mit dem Taxi fahren. Diese Schuld nehme ich auf mich,” lacht Margarita.

Die beiden sind seit 35 Jahren in zweiter Ehe verheiratet. Beide verwitwet, haben sie sich bei einem Ausflug des Museumsvereins kennen und lieben gelernt. Die Liebe der Frau war so stark, dass sie mit der Hochzeit gerne viel Arbeit auf sich lud. Margarita, selbst Mutter einer Tochter, übernahm die Fürsorge für die elf Kinder Herberts, von denen bei der Heirat noch acht unversorgt waren. Mittlerweile hat das glückliche Paar 36 Enkelkinder und 27 Urenkerl. Im Herbst werden es 30 sein. Margarita Kneifel: „Die Namen aller Enkelkinder weiß ich noch, aber bei den Urenkeln wird es schon schwierig.”

Geistig fit hielt sich das Paar im Lauf der Jahre auch durch regelmäßiges Schachspiel. Die große Leidenschaft Herbert Kneifels waren aber immer historische Forschungen und die Volkskunde. Derzeit arbeitet er im Museumsarchiv gerade stapelweise städtische Urkunden aus dem Jahr 1913 auf. Sie sind in Kurrentschrift verfasst, doch das bereitet dem Herrn Doktor keine Probleme. Diese Schrift hat er ja bei seiner Einschulung im Jahr 1914 („Damals haben wir noch das Kaiserlied gesungen”) gelernt.

Geboren wurde Herbert Kneifel am 17. März 1908 in Enns. Da hatten in Österreich die Frauen erst ein Jahr zuvor das allgemeine Wahlrecht erhalten. Von 1919 bis 1927 besuchte Kneifel das Stiftsgymnasium Kremsmünster. Dort entdeckte er sein Faible für Geschichte. Trotzdem studierte er nach der ausgezeichneten Matura in Wien Medizin. Von 1937 bis 1976 war Herbert Kneifel Ennser Gemeindearzt. Unterbrochen war die Ära nur von seiner Dienstzeit als Truppenarzt im Zweiten Weltkrieg.

Weder seine medizinische Arbeit noch die große Familie hinderten Kneifel an seinen volkskundlichen Arbeiten. 1937 trat er dem Ennser Museumsverein bei, 1960 wurde er dessen Obmann und blieb es bis Oktober 2002. In diesen 42 Jahren hat der unsterbliche Chronist aus einem Vier-Zimmer-Archiv das stattliche Römermuseum Lauriacum in seiner heutigen Form aufgebaut. Mit Unterstützung der Stadt, aber noch mehr durch seinen persönlichen Einsatz. Das Privatmuseum gehört zu den ältesten Österreichs. Der Trägerverein umfasst etwa 600 Mitglieder, die bis nach Amerika verstreut sind.

„Was Dr. Kneifel hier geleistet hat, ist großartig,” streut Obmann Franz Doubek seinem Vorgänger Blumen. Und er freut sich, dass der 100-jährige noch immer mit Eifer bei der Sache ist. „Wenn er nicht zu seinen historischen Quellen könnte, wäre er tot,” ist Doubek überzeugt.

Noch denkt Herbert Kneifel keine Sekunde ans Aufgeben: „Ich hoffe, dass ich auch das Jahr 1914 noch archivarisch aufarbeiten kann.”


DER VW-KÄFER spielte im Leben von Herbert Kneifel ebenfalls eine tragende Rolle. „Ich habe nie ein anderes Auto gefahren,” erzählt der Ennser: „Als Arzt habe ich mich all die Jahre auf die Zuverlässigkeit vom Käfer verlassen.” Der vor dem Stadtmuseum parkende Kneifel-Käfer wurde im Lauf der Jahrzehnte zu einem Markenzeichen der Stadt. „Bis vor sechs Jahren ist mein Vater noch selbst hinterm Steuer gesessen,” sagt Sohn Gottfried Kneifel. Mit knapp 94 Jahren hat der Senior seinen vierrädrigen Begleiter schließlich für immer eingeparkt. Dafür fühlt er sich jetzt als Beifahrer seiner Frau sehr wohl. Immerhin fährt sie seit 55 Jahren unfallfrei. Margarita Kneifel: „Wir unternehmen noch immer regelmäßig Ausflüge und haben viel Freude dabei. Nur in die Großstadt fahre ich nicht.”


91 Landsleute sind mit Stichtag 1. Juli 2007 älter als 100 Jahre - 71 Frauen und 20 Männer. Herbert Kneifel (Bild) ist wohl der Rüstigste unter ihnen. Folgende prominente Persönlichkeiten sind wie Herbert Kneifel Jahrgang 1908: Dirigent Herbert von Karajan (gestorben 1989), Radprofi Ferry Dusika (1984), die Schriftsteller Friedrich Torberg(1979), Hans Weigel(1991) und Simone de Beauvoir (1986), der chilenische Präsident Salvador Allende (1973), der sudetendeutsche Großindustrielle Oskar Schindler(1974), der 1.200 Juden vor dem KZ-Tod rettete, und der Nazijäger Simon Wiesenthal (2005).