09. September 2010

AKTUELLES

In Grünau im Almtal liefern die pfiffigen Vögel Forschern viele Überraschungen

Raben sind Genies unter den Tieren.

Dumme Vögel? Denkste! Raben gehören zu den hellsten Köpfen im Tierreich, sie haben schon fast geniale Fähigkeiten. Ihr Leben als Schmarotzer, die Wölfen, Bären, Adlern oder Füchsen tollkühn ihre Beute abjagen, hat sie zu findigen und außergewöhnlich klugen Tieren gemacht.

In der Konrad Lorenz Forschungsstelle in Grünau im Almtal widmet man sich unter anderem seit Jahren der Erforschung der geistigen Leistungsfähigkeit der Raben und Dohlen. Dabei halten die gefiederten Schlaumeier für die Wissenschaftler immer wieder verblüffende Überraschungen parat. Die Vögel lösen die kniffligsten Aufgaben und erweisen sich als wahre Meister der Trickserei und Täuschung, wenn es um ihre Futterverstecke geht. Die größte Freude bereitet ihnen, Artgenossen auszuspionieren und ums Ohr zu hauen.


Sie erforschen mit Kollegen in Grünau die Intelligenz von Raben und Dohlen: MMag. Christine Schwab (36) aus Wien und Dipl.-Biol. Christian Schlögl (29) aus Bayreuth.

Wer sich mit Raben beschäftigt, erlebt seine Überraschungen. Die Vögel sind Blitzgneißer und ausgesprochene Hallodris mit einem Hang zur Verwegenheit. Etwa wenn ein Rabe im Tiefflug den Hund eines Jägers inspiziert und dabei „bellt”. Will der Vogel damit einem Partner in der Nähe den Sachverhalt mitteilen oder bloß den Hund ärgern? Gibt der Rabe den Belllaut zufällig, reflexartig oder in einfacher Assoziation mit dem Hund ab? „Leider können wir ihn nicht befragen, doch durch Experimente haben wir schon viele Aufschlüsse über die Verhaltensweisen der Raben erhalten,” erklärt Univ. Prof. Dr. Kurt Kotrschal.

Der 54-jährige Biologe leitet die Konrad Lorenz Forschungsstelle für Ethologie in Grünau, wo man seit Jahren versucht, den schlauen Tieren auf die Schliche zu kommen. Die Raben werden in Grünau von Hand aufgezogen und vielen Prüfungen unterzogen, „bei denen sie gerne mitmachen,” so Kotrschal. Seit zwei Jahren arbeitet man auch mit Dohlen, die ebenfalls zur Familie der Raben (Corvus corax) gehören.

„Raben leben mit so gefährlichen Beutejägern wie Wölfen zusammen. Da darf man nicht dumm sein.“ Prof. Dr. Kurt Kotrschal

Den Verhaltensforschern geht es in erster Linie um die Frage, ob das Verhalten der Tier durch Instinkte, durch einfaches assoziatives Lernen oder durch höhere kognitive Leistungen, wie Überlegung und Einsicht, gesteuert ist.

Die Raben als größte Singvögel, die bis zu 1,5 Kilo schwer werden und über mehr als einen Meter Flügelspannweite verfügen, schneiden bei den Intelligenztests hervorragend ab. Kaum sind die Vögel flügge, entwickeln sie extreme Neugier auf alles, was sich picken und zwicken lässt. Ihr großes geistiges Potential zeigen sie etwa beim Schnurziehen (Bilder rechts) oder beim Futterverstecken. Dabei sind sie wahre Meister im Täuschen und Tricksen.

Raben leben in Beutegemeinschaften mit Wölfen, Bären, Füchsen und anderen Jägern. Beim Zerlegen eines Kadavers sind sie äußerst flink, und sie legen sich gerne geheime Vorratslager an. Dabei ist Vorsicht geboten. Die schwarzen Pfiffikusse können sich nämlich Verstecke anderer merken. Die Vögel spionieren sich gegenseitig aus. Die Klügeren lassen andere für sich arbeiten. Doch die Kollegenschaft ist ja nicht blöd. Daher werden sogar Scheinverstecke angelegt. Raben sind also fähig, Informationen zu manipulieren und taktisch zu betrügen. Sie haben ein Bewusstein über das Wissen anderer und reagieren entsprechend.

„Kognitiv sind Raben dreijährigen Kindern ebenbürtig,” ist Rabenforscher Christian Schlögl überzeugt, „und sie sind fähig, den Blicken anderer zu folgen.” Damit stehen sie auf einer Stufe mit Schimpansen. Raben sind auch sehr soziale Tiere. Befreundete Raben stehen in Konflikten zusammen und sie streichen dem anderen mit ihrem mächtigen Schnabel tröstend durchs Gefieder, wenn diesen wieder einmal ein „Kumpel” ums Ohr gehaut hat.